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Equi-Interview

Es gibt Fragen, die immer wieder auftauchen. Diese Fragen beantworte ich hier

in regelmäßigen Abständen zu den Themen, die euch am meisten interessieren.

 

In dieser Ausgabe:

  1. Was macht ein modernes Pferdetraining aus?
  2. Pferdetraining und Gewalt - Wo stehen wir heute?
  3. Das Missverständnis: Dominanz

 

Viel Spaß beim lesen!

(gibt's auch als Newsletter s.u.)



Pferdetraining 2.0 - Was macht ein modernes Pferdetraining aus?

Was ist deiner Meinung nach besonders wichtig,

wenn man ein Pferd trainiert?

In einem guten Training sehe ich mehr, als das Bewältigen von Aufgaben, Muskelaufbau und den Körper zu stärken. Training sollte auch Spaß machen, die Kopfarbeit fördern. Man sollte das gegenseitige Verständnis für einander und die Kommunikation trainieren. Vor allem sollte die Zeit auf dem Reitplatz oder in der Halle immer "Quality-Time" sein, also nicht nur nach Schema F abgearbeitet werden, sondern gemeinsam genossen und qualitativ wertvoll genutzt werden.

 

Worin siehst du die Schwächen in “schlechtem“ Pferdetraining?

Das Pferd sollte aufmerksam bleiben und niemals abstumpfen oder die mentale Verbindung zum Menschen verlieren. Es sollte sich frei bewegen können, ohne Verspannungen und ohne inneren Widerstand gegen die Bewegung oder die Übung. Sonst wird das Training einseitig und das wertvolle Gleichgewicht geht verloren. In einem solchen Training geraten beide Partner des Mensch-Pferd-Teams aus der Balance. Zuerst mental, dann auch körperlich und es entstehen Probleme und Konflikte. Die Pferde hören auf mitzudenken, Freude und Motivation weichen einer "Roboter-Optik". So sieht ein Training aus, in dem die Zusammenarbeit verloren gegangen ist.

 

Woran erkennt man solche Probleme?

Am einfachsten wirft man einen Blick in die Gesichter von Mensch und Pferd. Das Pferd verliert seinen wachen Ausdruck, seine Dynamik und seinen Stolz. Es zieht sich in sich zurück und verkümmert regelrecht. Auch der Reiter wirkt nicht mehr konzentriert und ruhig, sondern angestrengt und verbissen oder unsicher. Die Bewegungen sind nicht mehr weich, man sieht keinen Spaß mehr, keine Leichtigkeit. Lebensfreude sollte nicht am Reitplatz-Tor abgelegt werden, sondern unbedingt Teil des Trainings sein. Das gilt natürlich für Mensch und Pferd.

 

Was wünschst du dir für die Zukunft des Pferdetrainings?

Dass noch mehr Menschen die Ansprüche an ihr Training erweitern. Wir haben heutzutage alle Möglichkeiten für ein gutes, ausgewogenes, ganzheitliches Training. Ich wünsche mir Pferde, die mehr sein dürfen, als nur Befehlsempfänger, die einseitig trainiert werden und sich nicht miteinbringen und entfalten dürfen. Ich wünsche sie mir ausgeglichen und lebendig. Und dass die Menschen kreativer werden in der Gestaltung des Trainings und sich noch viel mehr trauen, etwas mit ihrem Pferd zu machen, weil es beiden gut tut und nicht nur, weil es alle so machen.

 

Wann ist ein Training wirklich gut gelaufen?

Ein Training ist dann gut gelaufen, wenn man möglichst viele Erfolgserlebnisse hatte und sich hinterher leicht und beschwingt fühlt. Wenn beide das nächste Mal kaum erwarten können. Ich zB. muss mein Pferd immer wieder überreden, jetzt endlich das Training zu beenden und vom Platz zu gehen. ;-)



Pferdetraining und Gewalt - Wo stehen wir heute?

Findest du, dass es heute noch Optimierungsbedarf im Bezug auf “Gewalt im Pferdetraining“ gibt?

Wir sollten immer offen sein für Optimierung, denn Verbesserung hört nicht irgendwann auf. Sie ist ein Prozess, den man immer weiter vorantreiben kann. Auch heutzutage sollten wir die Qualität im Pferdetraining weiter erhöhen. Wir müssen die Augen öffnen und kritisch bleiben. Auch heute wird Gewalt im Pferdetraining viel zu oft nicht erkannt oder aus Gewohnheit hingenommen.

 

Aber sind die Methoden nicht heute viel besser als früher und vor allem pferdefreundlicher?

Nun, es sind nicht immer nur die offensichtlichen Grausamkeiten im Umgang mit Pferden, die man leicht erkennt. Zum Beispiel, wenn man Pferde zu hart mit der Gerte schlägt, die Sporen zu hart einsetzt oder sie in schmerzhafte Körperhaltungen zwingt. Dann kann man leicht sagen: “Das ist falsch, lass das sein.“ Aber es gibt auch so viele kleine Dinge, die für normal gehalten oder als notwendig betrachtet werden.

 

Was meinst du damit?

Zu oft sieht man Stress und Druck im Training. Es wird mit ständigem Kontakt zum Maul geritten. Man findet Ausbinder, sieht das ständige Laufen auf der Vorhand, die Unterdrückung der Emotionen und Bedürfnisse des Pferdes und so weiter. All das summiert sich tagtäglich zu einer Form des Umgangs mit Pferden, den man ebenfalls als gewaltsam bezeichnen muss. Meistens wird zu viel Wert auf Kontrolle gelegt und zu wenig auf das (faire) Miteinander geachtet. Wenn der Mensch das Pferd nicht als gleichwertig betrachtet, geht er automatisch dementsprechend mit ihm um und so wird man keinem Lebewesen gerecht. Noch wichtiger, als das offensichtliche Verhalten ist also die innere Haltung des Menschen. Da gibt es noch viel Spielraum zur Verbesserung glaube ich.

 

Warum ist das alles denn heute so "normal"?

Ich denke, ein solch unachtsamer und durchaus gewaltsamer Umgang mit Pferden (und anderen Lebewesen) ist immer wieder die logische Folge davon, dass Mensch und Pferd ihre Verbindung zueinander verloren haben. Beobachtet man Kinder, wie sie mit leuchtenden Augen neben einem Pony stehen und vollkommen erfüllt sind, von dem Zauber des Moments dieser Begegnung, kann man sofort erkennen, dass sich dort zwei Seelen auf gleicher Ebene begegnen. Nur so ist echte Zusammenarbeit möglich. Das geht viel zu oft verloren, wenn man dann erwachsen wird und sich mehr und mehr an eine Welt gewöhnt, in der es normal scheint, dass diese zauberhafte Verbindung nur Kindern vorbehalten ist. Dafür kann man auch niemandem die Schuld geben, denn das ist ein automatischer, unbewusster Prozess. Aber keine Sorge, diesen "getrennten" Zustand kann man zum Glück wieder ändern.

 

Was kann man denn da tun?

Wir dürfen uns ruhig in Frage stellen und überprüfen, was wir verbessern können. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortungsbewusstsein. Die Verantwortung liegt hier ganz klar bei uns. Der Traum von einem partnerschaftlichen Umgang, vertrauensvoller Verbindung und dynamischer, losgelöster, gesunder Bewegung ohne Gewalt in der Ausbildung ist absolut erreichbar und jeder kann und sollte diese Art von Niveau im Pferdetraining anstreben. Und man darf dabei ruhig seinen ganz eigenen Weg gehen und einfach mal wieder auf sein Gefühl vertrauen. Das Ganze ist kein Hexenwerk, es geht darum, dass zwei Lebewesen etwas zusammen machen und keiner der beiden dabei zu Schaden kommt. Das ist eigentlich überhaupt nicht schwer. Man muss sich nur mal etwas aus seiner Gewohnheit lösen und den Horizont wieder weiter werden lassen. Was auch nicht zu vernachlässigen ist, ist dass man auch auf die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten achtet, denn auch mit sich selber geht der Mensch oft nicht so gut um. Es muss beiden gut gehen, Pferd und Reiter.



Das Missverständnis: Dominanz

Ist Dominanz nicht auch ein Teil im Pferdetraining, der seine Berechtigung hat, solange man nicht übertreibt?

Dominanz ist wohl zurzeit das am meisten missverstandene Wort in der Pferdeszene. Den Menschen ist es oft sehr wichtig, dass ihnen das Pferd nicht ihren Rang strittig macht und immer genug Respekt vorweist. Dominanz wird dabei oft verwechselt mit Aggression und Respekt mit Unterwürfigkeit. Aus diesem Missverständnis folgen dann oft Unterdrückung und Ignoranz im Umgang.

 

Und wie geht das dann richtig?

Was Pferde brauchen ist nicht etwa Dominanz, sondern Konsequenz. Pferde müssen lernen, wie sie sich in der Menschenwelt am besten verhalten können. Pferde brauchen faire, verantwortungsvolle Führung. Pferde möchten wissen, wie sie sich verhalten können, damit sie sich sicher und wohl fühlen. Und Pferde möchten sich darauf verlassen können, dass ihnen der Mensch seine Welt erklärt, in die er das Pferd gebracht hat, als er begann, es zu domestizieren.

 

Also Orientierung für das Pferd, statt Unterdrückung?

Ganz genau, denn was Pferde nicht brauchen ist ein erbitterter Machtkampf mit unverständlichen oder unfairen Mitteln. Und ist nicht ein Kampf sowieso völlig fehl am Platz, sobald es darum geht, dass zwei Seiten eines Teams gemeinsam Zeit miteinander verbringen? die Reiterei ist immer ein Teamsport, nicht zwischen Menschen in einer Mannschaft, sondern zu aller erst zwischen dem Reiter und seinem Pferd. Niemand muss den Anderen dominieren, wenn man sich stattdessen einfach einigen kann. Das ist es, was ein echtes Team ausmacht. Wenn Mensch und Pferd eine Einheit bilden ist Dominanz im Umgang vollkommen überflüssig.

 



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